Die verlassenen Hochhäuser in Mailand – Italiens Canary Wharf (Ligresti-Türme)

    In Mailand (Italien) stehen drei riesige verlassene Bürotürme auf einem Gelände, mitten in der Stadt. Hinter einem weißen, spitzen Zaun, ragen die verlassenen Hochhäuser in den Himmel. Es sind fünf Gebäude, die auf dem Areal zusammenstehen und jeweils 14 Stockwerke tragen, die in den 1980er Jahren errichtet wurden, um hier ein neues Finanzzentrum zu bilden. Insolvenzen verhinderten jedoch die Eröffnung. Seither stehen die Geisterhochhäuser einfach leer.

    Das Gelände befindet sich im Norden von Mailand, gegenüber der Voco Zentrale. In dem westlichen Gebäude befindet sich das Hotel The Hub samt eines Restaurants Mirror Lounge.

    Lage der verlassenen Bürogebäude

    Am nordwestlichen Stadtrand von Mailand, wo sich zwischen Bahngleisen, Lagerhallen und Autobahnzubringern der Stadtteil Roserio erstreckt, stehen fünf Bürotürme, die es so eigentlich nicht geben dürfte. 14 Geschosse hoch, verspiegelte Fassaden, Ende der Achtzigerjahre fertiggestellt und seit fast vier Jahrzehnten ohne Mieter. In Mailand kennt man die Hochhäuser zwischen der Via Stephenson, der Via Polonia und der Via privata Val Formazza nur unter einem Namen: Torri Ligresti, benannt nach Salvatore Ligresti, dem Mann, der sie errichten ließ.

    Die verspiegelten Türme sind schon aus der Ferne erkennbar. Von Nahem wird schnell klar, dass hier etwas nicht stimmt, denn es gibt keine beleuchteten Büros, keine Firmenlogos, keine Autos auf den Zufahrten und überall liegt Schrott. Die Türme wurden nach ihrer Fertigstellung nie regulär bezogen. Damit gehören sie zu den größten dauerhaft leerstehenden Gebäudekomplexen der Stadt und sind damit echte Geisterhochhäuser, die heute als Lost Place Ligresti-Türme bekannt sind.

    Wer war Salvatore Ligresti?

    Doch warum stehen diese riesigen Gebäude leer? Mit ihrer guten Lage in der Nähe zur Metropole Mailand, ist es absolut unverständlich, dass die Ligresti-Türme nun schon seit mehreren Jahrzehnten ungenutzt sind. Dahinter steckt Salvatore Ligresti, der 1932 im sizilianischen Paternò geboren wurde, später Ingenieurwesen studierte und sich Ende der 1950er Jahre in Mailand niederließ, wo er zunächst ein kleines Planungsbüro betrieb. In den folgenden Jahrzehnten stieg er zu einem der mächtigsten Immobilienunternehmer ganz Italiens auf.

    Sein Aufstieg fiel in die Zeit der sogenannten Milano da bere, des glitzernden Mailands der 1980er, in dem Geld, Mode und Politik eng miteinander verflochten waren und die Stadt stark durch ihren wirtschaftlichen Erfolg blühte. Herr Ligresti pflegte beste Kontakte in die Politik, unter anderem zum sozialistischen Ministerpräsidenten Bettino Craxi, und sicherte sich über Beteiligungen Einfluss auf zentrale Unternehmen des Landes. Die Versicherungskonzerne SAI und Fondiaria gehörten zu den Unternehmen, zu denen Ligresti gute Kontakte pflegte. Später sollte er sie zur Gruppe Fondiaria-Sai zusammenführen. Weil er mit vergleichsweise kleinen Anteilen ganze Konzerne kontrollierte, trug er in Finanzkreisen den Spitznamen „Mister 5%“. Mitte der 1980er Jahre hieß es, rund 80 Prozent der neuen Büroflächen Mailands gingen auf sein Konto, und damit mit Millionen Kubikmeter Bauvolumen und Dutzenden gleichzeitig laufenden Baustellen.

    Türme an den Toren der Stadt

    Ligresti verfolgte dabei ein wiedererkennbares Muster: An den großen Einfallstraßen Mailands ließ er Gruppen nahezu identischer Bürotürme errichten, die wie verspiegelte Quader aussahen und zwischen 13 und 15 Geschosse umfassten. In Mailand nannte man sie auch spöttisch cubotti a specchiogenannt (Spiegelwürfel). Wer die Stadt betrat, egal aus welcher Richtung, kam an einem der Ligresti-Türme vorbei. Sie stehen noch heute an der Via Ripamonti im Süden, am Viale Richard nahe dem Naviglio, im Westen an der Via Lorenteggio und der Via Bisceglie, im Osten bei Ortica und eben im Nordwesten an der Via Stephenson, dem Ort, auf den wir uns hier fokussieren. Die Türme waren Ligrestis Machtdemonstration in der Stadt.

    Die fünf Türme an der Via Stephenson

    Die Gruppe an der Via Stephenson entstand Ende der 1980er Jahre auf einem Gewerbeareal zwischen Bahnstrecke und Autobahn, das damals wie heute vor allem aus Lagerhallen und Speditionen bestand. Eine gute Infrastrukturanbindung hatte das Gelände damit bereits.
    Die fünf Bürotürme wurden mit je 14 Geschossen entlang der Via Polonia und der Via privata Val Formazza hochgezogen, gedacht für den großen Bedarf an Büroflächen, der Ligresti zufolge in den 1990er Jahren von Mailandzentrum auch auf die Vorregionen Mailands übergreifen sollte, doch dazu kam es nie.

    Die Zona Stephenson blieb weiterhin ein Niemandsland ohne die in Mailand stark genutzte U-Bahn, ohne größere Geschäfte, ohne Wohnraum und mit nur einer einzigen Buslinie. Der nächste Bahnhof, Milano Certosa, lag rund 20 Fußminuten entfernt. Darüberhinaus wollte kein Unternehmen seine Angestellten in Hochhäuser zwischen Speditionshöfen setzen. Die fünf Türme fanden schlicht keine Mieter.

    Leerstand als Geschäftsmodell

    Die ausbleibenden Mieter waren für Ligresti jedoch kein Problem, denn sein System funktionierte auch mit leeren Gebäuden. Manche sagen, gerade der Leerstand sei das Profitable für ihn. Die Türme standen als Vermögenswerte in den Bilanzen seiner Gesellschaften und dienten als Sicherheiten für neue Kredite, mit denen wiederum neue Projekte finanziert wurden. Ligresti war ein Immobilienbesitzer, auch ohne Mieter und ohne passives Einkommen aus ihnen. Sie zu verkaufen hätte sich nicht gelohnt, denn ein Verkauf zu niedrigen Preisen hätte den Buchwert des gesamten Portfolios gedrückt. So ließ man die Hochhäuser lieber Jahrzehnte ungenutzt stehen. Urbexer berichten, dass in den Türmen sogar Strom und Wasser durchgehend angeschlossen geblieben seien.

    Die Ligresti-Türme an der Via Stephenson sind das bekannteste Beispiel der Leerstandsstrategie, aber nicht das einzige. Auch die Torre Galfa, ein Hochhaus aus den 1950er Jahren mitten im Zentrum, das die Gruppe 2006 übernahm, stand viele Jahre komplett leer, bis Künstler und Aktivisten des Kollektivs Macao sie im Mai 2012 für zehn Tage besetzten und damit eine stadtweite Debatte über den Leerstand auslösten. Im Süden der Stadt, zwischen den Straßen Amidani und Antegnati an der Via Ripamonti, verrotteten fünf niemals fertiggestellte Gebäude aus den 1980er Jahren zu einem regelrechten Geisterviertel.

    Ein Mailänder La Défense, das nie kam

    Dabei hätte alles noch einmal ganz groß werden sollen. 2010 kündigte die Stadt für das Gebiet um die Via Stephenson ein gigantisches Entwicklungsprojekt an: Auf 450.000 Quadratmetern heruntergekommener Gewerbeflächen sollte ein Geschäftsviertel nach dem Vorbild von La Défense in Paris oder Canary Wharf in London entstehen. Die Rede war von bis zu 50 Hochhäusern, sechs Milliarden Euro Investitionen und neuen U-Bahn Linien. Die Flächen gehörten zum großen Teil der Familie Ligresti.
    Umgesetzt wurde von diesen großen Plänen aber fast nichts. Es blieb bei einem Multiplex-Kino mit Hotelturm, einem Porsche-Zentrum und wenigen Bürobauten. Die fünf Spiegeltürme standen weiterhin leer.

    Der Fall des Ligresti-Imperiums

    Die ersten Risse hatte das System schon lange und der Ruf Ligrestis war bereits schlecht. Im Juli 1992 wurde Ligresti im Zuge der Korruptionsermittlungen von Tangentopoli verhaftet und saß 112 Tage im Mailänder Gefängnis San Vittore.

    Der Begriff Tangentopoli bezeichnet das systematische Netz aus Korruption, Schmiergeldern und illegaler Parteienfinanzierung, das Anfang der 1990er Jahre die gesamte politische Elite Italiens erschütterte. Das Wort setzt sich zusammen aus dem italienischen tangente (Schmiergeld/Kickback) und dem griechischen polis (Stadt) und bedeutet übersetzt so viel wie „Stadt der Schmiergelder“ oder „Bribesville“.

    Ligresto wurde wegen Bestechung zu zwei Jahren und vier Monaten verurteilt, die Strafe wurde aber in Sozialarbeit umgewandelt. Sein Imperium überstand auch diesen Schlag.

    Das Ende von Ligresti

    Das Ende kam mit der Finanzkrise. Die hochverschuldete Versicherungsgruppe Fondiaria-Sai, die Ligresti aus den zwei beschriebenen Unternehmen gegründet hatte, musste 2012 unter Druck der Banken an den Konkurrenten Unipol abgegeben werden. Im Juni 2012 erklärte das Mailänder Gericht die persönlichen Holdings der Familie, Imco und Sinergia, für insolvent, was den Zusammenbruch von rund 400 Millionen Euro bedeutete. Im Juli 2013 wurde der inzwischen 81-Jährige Ligresti erneut verhaftet, diesmal wegen mutmaßlicher Bilanzfälschung bei Fondiaria-Sai. Wegen seines Alters kam er unter Hausarrest, statt in ein Gefängnis.

    2016 verurteilte ihn ein Turiner Gericht zu sechs Jahren Haft, doch das Urteil wurde 2019 in der Berufung aufgehoben und das Verfahren nach Mailand verwiesen, wo die Mitangeklagten 2021 freigesprochen wurden. Die Aufhebung erlebte Salvatore Ligresti nicht mehr, denn im Mai 2018 verstarb er im Alter von 86 Jahren in Mailand.

    Zurück blieben seine Geistertürme an der Via Stephenson, die mit der Übernahme von Fondiaria-Sai von Unipol in deren Immobilienportfolio wechselten. An ihrem Zustand änderte das zunächst nichts.

    Lost Place Ligresti-Türme: Besetzung im September 2018

    Wenige Monate nach Ligrestis Tod rückten die Türme aber nochmal in die Schlagzeilen. Anfang September 2018 räumte die Polizei in der Nachbarstadt Sesto San Giovanni ein besetztes ehemaliges Alitalia-Gebäude, in dem das Wohnkollektiv Aldo dice 26×1 knapp 200 Menschen untergebracht hatte, mehr als 80 davon minderjährig. Auf der Suche nach einem neuen Dach über dem Kopf besetzten die Familien in der Nacht zum 5. September den dritten der fünf Ligresti-Türme an der Via Stephenson und damit eines der größten leerstehenden Gebäude der Stadt, wie das Kollektiv betonte. Man wolle dem Verlassenen und Ungenutzten wieder Leben geben, hieß es damals als Begründung.

    Die Aktion fiel mitten in die aufgeheizte Debatte um die Räumungspolitik des damaligen Innenministers Matteo Salvini und beschäftigte tagelang Politik und Presse. Ein dauerhaftes Wohnprojekt wurde aus der Besetzung aber nicht. Die Türme wurden wieder geräumt und standen weiterhin leer. Seit den 1980er Jahre stand nie ein Schreibtisch in einem der Hochhäuser.

    Die Zona Stephenson heute

    Inzwischen hat sich rund um die Türme einiges getan. Nur wenige Kilometer entfernt entstand auf dem ehemaligen Expo-Gelände von 2015 der Innovationsdistrikt MIND samt neuem Galeazzi-Klinikum, an der Via Stephenson selbst wurden 2023 erste Lagerhallen abgerissen und mit dem Wohnhochhaus Steptower wächst seit 2025 ein 16-geschossiger Neubau in direkter Nachbarschaft. Damit gibt es mittlerweile also den Wohnraum, der zur Erbauung der Türme noch gefehlt hatte. Eigentümer Unipol ließ 2023 unter dem Namen Urban Up einen Masterplan-Wettbewerb für das gesamte Viertel ausschreiben, an dem internationale Größen wie Herzog & de Meuron, SANAA und Mario Cucinella teilnahmen. Was konkret mit den fünf Türmen geschieht, ob sie abgerissen oder saniert werden sollen, ist allerdings bis heute ungeklärt.

    Andere Lost Place Immobilien Ligrestis wurden aber mittlerweile umgebaut. Die Türme am Viale Richard wurden zu modernen Büros, aus dem Geisterviertel an der Via Antegnati wurden ab 2017 rund 400 geförderte Wohnungen, und an der Via Ripamonti werden seit 2025 zwei der dortigen fünf Türme unter dem Namen Zenith Towers zu Wohnhochhäusern umgebaut. Die Torre Galfa im Zentrum ist heute ein Hotel- und Apartmentturm. So bleiben eigentlich nur die fünf Spiegeltürme der Zona Stephenson die letzten echten Geisterhäuser des einstigen Geister-Immobilien Imperiums von Ligresti.

    Weitere Informationen

    Einschätzung des Ortes

    Bekanntheit
    25%
    Gefahr
    15%
    Vandalismus
    10%
    Schwierigkeit des Betretens
    50%

    Adresse von Die verlassenen Hochhäuser in Mailand – Italiens Canary Wharf (Ligresti-Türme)

    Via Privata Val Formazza, 10, 20157 Milano MI, Italien
    45.5137275, 9.12012069

    Die verlassenen Hochhäuser in Mailand – Italiens Canary Wharf (Ligresti-Türme) Wegbeschreibung

    Die verlassenen Bürogebäude stehen an der Ecke Via Privata Polonia und Via PPrivata Val Formazza. Hinter dem rund zwei Meter hohen, weißen Spitzzaun führen asphaltierte Wege in eine Tiefgarage unter dem Komplex. Direkt hinter diesen Wegen ragen bereits die Canary Wharf Türme in den Himmel. Mit dem Auto erreicht man die Zone über den Viale Certosa beziehungsweise die Autobahnausfahrten im Nordwesten der Stadt, von wo die Via Stephenson in das Gewerbegebiet führt. Wer öffentlich anreist, steigt weiterhin am 20 Minuten entfernten Bahnhof Milano Certosa aus und läuft die Via Stephenson nach Norden. Alternativ verbindet eine Buslinie das Viertel mit der Stadt. Schon von der Bahnstrecke und der Autobahn aus sind die fünf verspiegelten Fassaden nicht zu übersehen. Das Areal ist Privatgelände des Unipol-Konzerns und liegt gut einsehbar in einem belebten Gewerbegebiet mit Hotels, Speditionen und einem Kinokomplex – unbemerkt nähert man sich den Türmen hier kaum.

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    Die verlassenen Ligresti-Türme sind Teil eines riesigen Geister-Immobilien Imperiums der 1980er Jahre.
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    Die verlassenen Ligresti-Türme sind Teil eines riesigen Geister-Immobilien Imperiums der 1980er Jahre.. Es ist ein ganz besonderer Lost Place. Wir haben ihn dokumentiert und über Hintergründe recherchiert.
    Die verlassenen Bürogebäude stehen an der Ecke Via Privata Polonia und Via PPrivata Val Formazza. Hinter dem rund zwei Meter hohen, weißen Spitzzaun führen asphaltierte Wege in eine Tiefgarage unter dem Komplex. Direkt hinter diesen Wegen ragen bereits die Canary Wharf Türme in den Himmel. Mit dem Auto erreicht man die Zone über den Viale Certosa beziehungsweise die Autobahnausfahrten im Nordwesten der Stadt, von wo die Via Stephenson in das Gewerbegebiet führt. Wer öffentlich anreist, steigt weiterhin am 20 Minuten entfernten Bahnhof Milano Certosa aus und läuft die Via Stephenson nach Norden. Alternativ verbindet eine Buslinie das Viertel mit der Stadt. Schon von der Bahnstrecke und der Autobahn aus sind die fünf verspiegelten Fassaden nicht zu übersehen. Das Areal ist Privatgelände des Unipol-Konzerns und liegt gut einsehbar in einem belebten Gewerbegebiet mit Hotels, Speditionen und einem Kinokomplex – unbemerkt nähert man sich den Türmen hier kaum.Beim Betreten solltest du dich dennoch über geltene Rechte informieren und den Lost Place nicht alleine betreten.
    Du findest diesen Ort unter Via Privata Val Formazza, 10, 20157 Milano MI, Italien. Bitte informiere dich zuvor über Rechte und Gefahren.

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