Das verlassene Sanatorium Wienerwald, nahe Wien gelegen, zieht als Lost Place zahlreiche Geschichts- und Architekturinteressierte an. Dieses imposante Gebäude, das einst für seine medizinische Exzellenz bekannt war, hat eine komplexe Geschichte, die von der Gründung als modernes Heilzentrum bis hin zur Nutzung als militärisches Krankenhaus und Flüchtlingsunterkunft reicht.
Gründung und frühe Jahre
Das Sanatorium Wienerwald wurde 1903/04 von den renommierten Lungenspezialisten Dr. Hugo Kraus und Dr. Arthur Baer gegründet. Die beiden Ärzte waren erfahren in der Behandlung von Tuberkulose, einer damals weit verbreiteten und oft tödlichen Krankheit. Ihr Ziel war es, ein modernes Heilzentrum zu schaffen, das den Patienten optimale Bedingungen für eine erfolgreiche Behandlung bieten konnte.
Die Wahl des Standorts im Wienerwald war strategisch und medizinisch sinnvoll. Die reine Luft und die ruhige Umgebung des Waldes sollten die Heilung unterstützen. Früher herrschte die Annahme, Tuberkulose sei insbesondere durch frische Luft heilbar.
Das Sanatorium wurde mit großzügigen Pavillons ausgestattet, die jeweils für unterschiedliche Stadien der Krankheit konzipiert waren. Die Architektur spiegelte den medizinischen Fortschritt der Zeit wider, mit großen Fenstern und lichtdurchfluteten Räumen, die den Patienten helfen sollten, sich in einer angenehmen Umgebung zu erholen. Es erinnert damit stark an das bekannte Sanatorium in Belgien.
Erster Weltkrieg: Nutzung als Lazarett
Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 brachte eine dramatische Veränderung für das Sanatorium Wienerwald. Das Gebäude wurde umgehend in ein Lazarett umgewandelt, um verwundeten Soldaten Unterkunft und medizinische Versorgung zu bieten. Diese Umstellung erforderte umfangreiche Anpassungen: Krankenhausbetten wurden aufgestellt, und die medizinische Ausstattung wurde erweitert, um den Bedürfnissen der Soldaten gerecht zu werden.
Das Sanatorium, das zuvor auf die Behandlung von Tuberkulose spezialisiert war, musste nun auch den Anforderungen einer Kriegszeit gerecht werden. Das medizinische Personal, das ursprünglich auf die Tuberkulosebehandlung ausgerichtet war, musste sich auf die neue Situation einstellen und verschiedene neue Herausforderungen bewältigen.
Zwischenkriegszeit und wirtschaftliche Herausforderungen
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde das Sanatorium Wienerwald in den 1920er Jahren wieder für die Behandlung von Tuberkulose-Patienten genutzt. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 stellte jedoch eine große Herausforderung dar, da sie zu finanziellen Engpässen führte und die Ressourcen des Sanatoriums belastete. Trotz dieser Schwierigkeiten blieb das Sanatorium ein bedeutendes Zentrum für die Tuberkulosebehandlung und setzte seine Arbeit fort.
In den 1930er Jahren waren die politischen und wirtschaftlichen Umwälzungen spürbar. Die politische Unsicherheit in Europa beeinflusste die Arbeit des Sanatoriums, und finanzielle Schwierigkeiten waren an der Tagesordnung. Das Gebäude und seine Einrichtungen waren jedoch weiterhin eine wichtige Anlaufstelle für Patienten.
Zweiter Weltkrieg: Nutzung durch die SS
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs im Jahr 1939 änderte sich die Nutzung des Sanatoriums Wienerwald erneut. Im Jahr 1944 übernahm die SS die Kontrolle über das Sanatorium. Das Gebäude wurde als Krankenhaus für schwerverwundete Soldaten genutzt und diente zugleich als Lager für politische Gefangene und andere vom NS-Regime verfolgte Personen.
Die Umwandlung des Sanatoriums in ein SS-Krankenhaus brachte zahlreiche Herausforderungen mit sich. Berichte über diese Phase sind fragmentarisch, aber es gibt Hinweise auf schwere Misshandlungen und geheime Aktivitäten, die während dieser Zeit im Gebäude stattfanden. Diese Nutzung stellte einen dunklen Abschnitt in der Geschichte des Sanatoriums dar.
Nachkriegszeit: Flüchtlingsunterkunft und Rehabilitation im Sanatorium
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Sanatorium Wienerwald von den Alliierten besetzt und in eine Unterkunft für Displaced Persons (DPs) und Flüchtlinge umgewandelt. Diese Phase erforderte umfangreiche Umbauten, da das Gebäude nun als Notunterkunft für Menschen in Not diente.
In den 1950er Jahren wurde das Sanatorium erneut umgebaut, diesmal als Rehabilitationszentrum für Patienten mit chronischen Krankheiten. Moderne medizinische Methoden und Technologien wurden eingeführt, um den Bedürfnissen der Patienten gerecht zu werden. Diese Phase brachte neue Herausforderungen mit sich, da das Gebäude unter der fortwährenden Nutzung litt.
Schließung und Verfall des Sanatoriums Wienerwald
Die 1970er Jahre brachten schließlich den Rückgang der Patientenzahlen und finanzielle Schwierigkeiten mit sich, was zur Schließung des Sanatoriums in den 1980er Jahren führte. Das Gebäude, das einst eine zentrale Rolle in der medizinischen Versorgung gespielt hatte, begann zu verfallen.
Heute steht das verlassene Sanatorium Wienerwald als eindrucksvolles Relikt seiner glanzvollen und zugleich tumultreichen Vergangenheit da. Der Verfall hat das Gebäude stark in Mitleidenschaft gezogen: Die Fenster sind zerstört, der Putz bröckelt, und die Dächer zeigen erhebliche Schäden. Dennoch bewahrt das Sanatorium eine beeindruckende Architektur und eine Atmosphäre der Vergänglichkeit, die seine historische Bedeutung unterstreicht.
Von der Gründung als modernes Tuberkulose-Heilzentrum über die Nutzung als Lazarett im Ersten Weltkrieg, die Zeit unter der SS im Zweiten Weltkrieg bis hin zur Nachkriegszeit als Flüchtlingsunterkunft, ist die Geschichte des Sanatoriums sehr vielseitig. Als Lost Place zieht es heute nicht nur Historiker und Architekturliebhaber an, sondern bleibt auch ein eindrucksvolles Zeugnis vergangener Zeiten und des medizinischen Wandels.
Beitragsfoto: Feichtenbach (Wikipedia), CC BY-SA 3.0