In den italienischen Alpen gibt es mehrere Lost Places, die zu Zeiten der Olympischen Winterspiele 2006 als Austragungsorte dienten und seither verlassen sind.
Olympische Spiele werden in der Regel mit Schein, Glanz und viel Geld in Verbindung gebracht, doch davon ist an diesen alten Austragungsstätten nicht mehr viel übrig.
Die verlassene Bobbahn
Eine olympische Bobbahn umfasst einen künstlich angelegten, mindestens 1,5 km langen Eiskanal mit Steilkurven, auf dem die Rennen mit Bobschlitten ausgetragen werden konnten. Andere Sportarten wie Skeleton und Rennrodeln, konnten hier ebenfalls stattfinden. Auf den Bobbahnen konnten die Athleten in Spezialschlitten Geschwindigkeiten von über 130 km/h erreichen.
Die Ortschaft Cesana Pariol liegt westlich von Turin, im Nordwesten Italiens auf 1354 Höhenmetern. In Cesana Pariol war für Olympia eine 1435 Meter lange Bobbahn geplant, die mit 19 Kurven 114 Höhenmeter überwinden sollte. Für Zuschauer standen 7000 Plätze zur Verfügung.
Die Baukosten der Sportanlage sollen zwischen 77 und 110 Millionen Euro betragen haben und sie wurde Ende 2004 fertiggestellt. Die Eröffnung fand bereits im Januar 2005 statt, als erste Wettkämpfe auf der damals noch modernen Bobbahn ausgetragen wurden.
Olympische Bobbahn galt als zu gefährlich
Kurz nach der Eröffnung im Jahr 2005, verletzten sich mehrere Athleten, von denen einer sogar ins künstliche Koma versetzt werden musste.
Daraufhin fanden bereits im Sommer 2005 Gespräche zwischen den Betreibern und den Präsidenten der Verbände, die zuvor Wettkämpfe auf der Bahn ausgeführt hatten, statt, um die Strecke sicherer zu machen. Zwei Kurven der Bobbahn wurden entschärft daraufhin bis Ende 2005 entschärft, um den Betrieb etwas sicherer zu machen.
Olympische Winterspiele 2006
Bei den XX. Olympischen Winterspielen 2006 wurden drei Wettbewerbe in der Sportart Bobfahren auf der Bahn in Cesana Pariol ausgetragen. Es nahmen 22 Nationen teil, die 150 Athletinnen und Athleten ins Rennen schickten.
Die deutschen Athletinnen und Athleten konnten bei den olympischen Winterspielen 2006 im Bobfahren drei Goldmedaillen gewinnen, demnach war Deutschland hier die erfolgreichste Nation. Im Rennrodeln, bei dem 24 Nationen mit 108 Teilnehmenden gegeneinander antraten, konnte Deutschland neben Italien und Österreich ebenfalls einmal Gold holen und mit zweimal Silber und ein mal Bronze ebenfalls den ersten Platz im Medaillenspiegel erreichen. Lediglich im Skeleton schaffte es Deutschland nicht unter die Top 3, die von Kanada, der Schweiz und Großbritannien dominiert wurde.
Stilllegung der Bobbahn
Auch nach der Olympiade wurde die Bobbahn von Vereinen aus der Umgebung genutzt, doch der Betrieb kostete jährlich rund zwei Millionen Euro, denn die Bahn musste konstant gekühlt werden, um die erforderliche Eisschicht zu erhalten. Schließlich musste die ehemalige Olympia-Bobbahn im Jahre 2011 stillgelegt werden. Die Anlage wurde von der Firma Parcolimpico verwaltet, die für den Erhalt viel Geld brauchte. Auch Sicherheit spielte eine große Rolle, denn die Kühlmittel der Sportanlage durften auf keinen Fall durch eventuelle Lecks in die Umwelt gelangen.
Das Kühlmittel Ammoniak (𝑁𝐻3), in der Kältetechnik als R-717 bezeichnet, ist ein übliches, bei der Anwendung umweltfreundliches Kühlmittel, das sehr verbreitet war. Ammoniak ist zwar giftig und bei unsachgemäßer Handhabung gesundheitsschädlich, jedoch aufgrund seiner umweltfreundlichen Eigenschaften im Einsatz (kein Ozonabbau, kein Treibhauseffekt) ein verbreitetes, natürliches Kältemittel in industriellen Großanlagen.
2012 wurden die 400 Tonnen Ammoniak der Bobbahn aus Sicherheitsgründen entsorgt, um die Wartungskosten der Anlage zu senken. Eine vollständige Demontage der verlassenen Bobbahn hätte die Gemeindekassen zwischen drei und vier Millionen Euro gekostet, also plante diese 2023, den Lost Place in eine Skihalle umzufunktionieren.
Eine 850 Meter lange, 60 Meter breite Skihalle war geplant, die auf dem Areal der verlassenen Olympia-Bobbahn entstehen sollte. Das Dach der Halle sollte vollständig mit Photovoltaik-Modulen bedeckt werden. Das alles sollte für Baukosten von rund 50 Millionen Euro realisiert werden.
Die Pläne waren umstritten und wurden nicht umgesetzt, doch es gab noch weitere Ideen.
Sanierung für Olympia 2026
Beim Bau der Bobbahn hätte man 2004 nicht an die Jahre nach den Olympischen Spielen gedacht und nach Olympia war eine Entscheidungsfindung für die Zukunft der Anlage ein Wettlauf gegen die Zeit, in dem aus der Bobbahn langsam eine Ruine wurde. Anlässlich der olympischen Winterspiele 2026 dachte man in der Gemeinde Cesana Torinese über eine Sanierung der alten Anlage nach, die rund 15 Millionen Euro gekostet hätte. Jedoch seien die Wünsche der Region bei den Planungen zur Olympiade 2026 ignoriert worden und stattdessen eine neue Bobbahn, die 85 Millionen Euro kosten sollte, in Mailand-Cortina erbaut worden.
Der ehemalige Bürgermeister von Cesana Torinese ärgerte sich öffentlich über die, in seinen Augen, Geldverschwendung bei der Planung der olympischen Winterspiele 2026. Er habe 2018 mit dem Bürgermeister Mailands verhandelt, um Kosten für die Provinzen zu sparen. Er habe die ehemalige olympische Anlage in Cesana Torinese ins Gespräch zu bringen wollen, sei dabei jedoch unter anderem durch die Region Venetien verdrängt worden, die sich ebenfalls als Austragungsort vorgeschlagen hätten und daraufhin im Fokus gestanden hätten. Letztendlich habe auch die Bürgermeisterin Turins gegen die Pläne gestimmt.
Heutiger Zustand
Ein kleiner Teil der Bobbahn sei heute noch nutzbar, jedoch hätten Kabeldiebe bereits wichtige Leitungen aus der verlassenen Anlage gestohlen, sodass eine Wiederaufnahme des Betriebs nicht ohne größere Sanierungen möglich sei. Auch die Kühlung müsste aufwendig geprüft und saniert werden. Man hätte statt Ammoniak zukünftig auf Eisengas gesetzt, das auch in Kühlschränken eingesetzt wird.
Eine Wiederinbetriebnahme der Bahn wurde im Oktober 2023 vom italienischen Sportminister Andrea Abodi wegen zu hoher Kosten abgelehnt. Stattdessen gab dieser im April 2025 bekannt, die Anlage für 9 Millionen Euro auf Kosten der italienischen Regierung im Sommer 2026 abreißen zu wollen.
















